So, nun habe ich wieder ein paar Seiten in Kimballs Buch gelesen (bin immer wieder versucht „Dr. Kimble“ zu sagen und sehe dabei einen Typ wie Harrison Ford „auf der Flucht“). Endlich hat es Ford – äh Verzeihung – Kimball geschafft, nicht nur ironische Kommentare in mir hervorzurufen. Über ein paar Dinge musste ich nachdenken. Manches hat meine Zustimmung gefunden. Anderes sehe ich nicht so. Aber nun mal der Reihe nach …
Das Buch ist ja in zwei große Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um das Zeitalter der Postmoderne. Dabei streift er auch die Auswirkung, die die Postmoderne auf die Gemeinde von heute hat. Eigentlich mag ich den Begriff Postmoderne nicht so sehr, weil abgelutscht und zu oft als „Modebegriff“ in der christlichen Szene missbraucht (und außerdem: ist die Postmoderne von den Historikern schon offiziell bestätigt und abgenickt?). Dennoch halte ich mich mal an seine Terminologie. Seine Gesellschaftsanalyse find ich relativ flach und zu sehr aus dem amerikanischen Fokus betrachtet. Wenn man sich schon ein wenig mit dem Thema beschäftig hat, kann man getrost den gesamten ersten Teil überspringen. Als Anknüpfungspunkt eignet sich jedoch das letzte Kapitel des ersten Hauptteils („Was ist ‚Kirche’? – Das zweitwichtigste Kapitel in diesem Buch“). Dort beschreibt Kimball, dass Kirche bei den Urchristen nicht als Institution sondern als Versammlung verstanden wurde. Hierzulande diskutiert man mit den Schlagworten Organismus und Organisation.
Was mich auch schon im Vorfeld beschäftigt hat geht Kimball unter dem Absatz „Anbieter religiöser Waren und Dienstleistungen?“ an. Er prangert das Konsumverhalten an, das die Kirche in der Moderne hervorgebracht hat. Die Kirche sei zu einem Dienstleister verkommen:
Haben wir aus unserer Kirche mit der Zeit, trotz bester Absichten und lauterer Motive, einen Anbieter religiöser Waren und Dienstleistungen gemacht? Haben wir in unserem Verlangen, die Bänke wieder zu füllen, den Menschen unterschwellig vermittelt, dass die Kirche ein Ort ist, zu dem man hingeht, um etwas darüber zu erfahren, wie Gott uns dabei hilft, unsere Probleme zu lösen? Wo man hingeht, um seine wöchentliche Ration vom Wort Gottes zu bekommen? Wo man hingeht, um die Angebote zu nutzen, die einem dabei helfen, ein besseres Leben zu führen und soziale Kontakte zu knüpfen? Wo man hingeht, um gute Lobpreismusik zu hören?
All das sei leider der Fall, als Ergebnis spricht er von „Konsumchristen“, die sich eine Gemeinde nach ihren Bedürfnissen suchen.
Seine Antwort find ich mal wieder schwach, weil er dem Model der „Konsumentenkirche“ das der „Missionale Kirche“ gegenüberstellt. Dort sei die Kirche
eine Gruppe von Menschen, die eine gemeinsame Mission haben und sich als Gemeinschaft versammeln, um Gott anzubeten, sich gegenseitig zu ermutigen und Lehren über das Wort Gottes hören, was eine Ergänzung zu den darstellt, womit sie unter der Woche selbst ihren Hunger stillen.
Die These klingt recht gut, schreibt sich aber garantiert auch jede „Moderne“ Gemeinde auf die Fahnen. Leider füllt er seine These überhaupt nicht mit Leben.
Er schreibt so, als ob seine Gedanken zum Thema Gemeinde bzw. Kirche so revolutionär und urchristlich seien, dass es dich glatt vom Hocker reißen müsste. Aber genau das gleiche haben auch schon Hybels & Co. gesagt …
Worüber ich nachdenke: ist es wirklich so negativ, Gemeinde als Dienstleister zu verstehen? Sind Charismen nicht Gnadengaben Gottes zum Dienst an Menschen und insbesondere der Gemeinde. Wird deshalb nicht auch von „Dienstgaben“ gesprochen? Irgendwie find ich es nicht verwerflich, meinen „Dienst“ in der Gemeinde auch als eine Art Dienstleistung zu sehen, der „konsumiert“ werden darf und soll.
Wie denkt ihr darüber?
Nach diesem Kapitel beginnt dann der zweite Hauptteil des Buches. Dort geht es dann ausschließlich um Spiritualität. Das klingt dann leider so, als ob Kimball Emerging Church auf ein spirituelles Erlebnis reduziert. Ich will ihm so eine eingeschränkte Sicht nicht unterstellen, hätte aber bei dem Aufreißerbuchtitel bedeutend mehr erwartet.
Denn ich denke, dass dieses „spirituelle“ Erlebnis (was für mich wiederum mal ein typisches Dienstleiterkriterium ist) nur die Spitze des Eisbergs ist. Events lassen sich „recht“ einfach machen. Das beschreibt er wohl dann noch auf den weiteren verbleibenden Seiten, die ich noch zu lesen habe (habe aber mal wieder den Eindruck, dass auch das relativ flach und einseitig wird – so z.B. seine Theorie Dunkelheit und Kerzen fördern Spiritualität).
Was mich brennend interessiert sind Themen wie Hierarchie/Leiterschaft (Klerus vs. Laie) und wie Emerging Church mit mehreren Generationen – sprich mit ihren Kindern – umgeht. Letzteres frag ich mich, weil ich schließlich Vater von zwei Kindern bin und ich nicht nur Interesse an einer coolen „Session“ habe. Emerging Church muss auch der Platz sein, bei dem sich meine Kids wohl fühlen, Bedeutung haben und ihre Rolle finden.
Hier würde mich mal interessieren, wie das die deutschen Emerging Church-Aktivisten sehen …