georgos über Georg Müller
Vor kurzem habe ich mir den Film “Georg Müller – Ein Mann, der die Welt veränderte” angeschaut. Der Film ist so eine Art dokumentarische Biografie über meinen Namensvettern, der von 1805 bis 1898 lebte und als Wasienvater von Bristol bekannt wurde. Meine Begeisterung über die DVD hält sich in Grenzen. Da die Motivation zu diesem Film nicht kommerzieller Art ist, will ich keine kritische Beurteilung gegen die doch recht bescheidene Filmaufmachung abgeben. Enttäuscht bin ich aus einem ganz anderen Grund: Meiner Ansicht nach wird Georg Müller zu einseitig als Mann des Glaubens, der nur durch Gebet und Gottvertrauen sein Leben und Werk führt, dargestellt.
Für mich ist Georg Müller vor allem ein Mann der Barmherzigkeit, der die verdammte Ungerechtigkeit gegenüber den Waisenkindern nicht ertragen konnte. Dazu muss man wissen, dass ein Waisenkind ohne Auffangbecken auf die Straße geschmissen wurden. Kein Sozialarbeiter oder Streetworker, der schnell zur Hilfe eilte. Keine Waisenrente, die gezahlt wurde. Keine Verwandschaft, die Mitleid hatte. Und auch keine Kirche oder Geistlicher, die sich erbarmten. Eine ganze Gesellschaft verachtete sie. Ein Waisenkind war damals quasi zu Tode verurteilt, da viele von Ihnen erfroren oder an Cholera erkrankten. Misshandlungen standen auf der Tagesordnung. Ihnen blieb nichts anderes übrig als Brot und Geld zu stehlen und so die Karriere eines Kleinkriminellen zu starten. Auf diesen Missstand machte damals Charles Dickens mit “Oliver Twist” aufmerksam.
Georg Müller konnte dieses Elend nicht länger ertragen und forderte seine Kirchengemeinde heraus: “Wie kann ich mich Jesu Jünger nennen und meine Augen vor diesen Kindern verschließen?” Was nichts anderes heißt, wie: “Wie kann ich Gottes Barmherzigkeit für mich geltend machen und danach ein Herz aus Stein haben?”
Und dieser Aspekt geht mir völlig im Film flöten. Okay, Georg Müller hatte eine Methode, die sehr nennens- und ehrenwert ist: Ich glaube, dass Gott mir einen sehr spezifischen Auftrag gegeben hat und mich dann auch mit allen notwendigen Mitteln versorgen wird, die ich dazu und zum Leben benötige. Deshalb muss ich keinen Spendenaufruf starten, weil Gott mich und die Arbeit eh versorgen wird.
Und letztlich geht es in diesem Film immer nur um diese megemäßigen Glaubenstaten, die Gott in letzter Sekunde auch immer “belohnt”.
Wenn man so einen Film sieht, kann man sich nur “Scheiße” fühlen, weil man nicht die Glaubenstaten eines Georg Müllers vorzuweisen hat. Und was ist mit all den diakonischen/karitativen/kirchlichen Einrichtungen, die Spendenaufrufe starten? Haben die etwa keinen Glauben?
Ich denke, dass Glaube sich vor allem in Barmherzigkeit zum Ausdruck bringt. Und ich denke auch, dass sich die Gemeinde Jesu von heute zu stark um sich selbst dreht. Und sie dreht sich auch nur um sich selbst, wenn es um die Erlangung von Glaubenstaten geht. Du und ich sollten uns aufmachen und die Augen öffnen, welchem Menschen wir Barmherzigkeit weiter geben können.
Schließen will ich mit einem Absatz, den ich neulich auf der Vineyard Berlin-Website gefunden habe. Das wünsch ich uns allen, die sich wie ich Christen nennen:
Jeder Mensch ist uns herzlich willkommen, ungeachtet seines Alters, seiner sozialen Herkunft, seiner Nationalität, seiner sexuellen Orientierung und seiner weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen.
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